29.06.2009
21:31

Das Drama von Schulerfolg, Privatschulboom und sozialer Unwucht

Was Brandenburgs Schule ungerecht macht

Ein Gespenst geht um in Brandenburg. Es ist das Gespenst der sozialen Ungerechtigkeit in den Schulen.

Im Jahr 2000 erreichten Brandenburgs Schüler noch das mit Abstand beste Ergebnis in Sachen sozialer Abhängigkeit von Schulerfolgen. Besser als irgendwo sonst in Deutschland.

In Brandenburg war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Akademikerkind Abitur macht, „nur“ doppelt so groß wie die eines Arbeiterkindes – bei gleicher Leistung. (Zum Vergleich: in Bayern lag der Wert beim Faktor sieben für die Uni-Kids!)

Im Jahr 2006 nun sind die märkischen Kinder schwer abgeschmiert. Pisa ermittelte, dass die Abitur-Chance für Hi-Potential-Kids inzwischen vier Mal so groß ist wie bei Arbeitergören. Damit ist Brandenburg durchgerutscht nach ganz unten. Das ungerechteste Bundesland derzeit.

Wie kömmt´s?

Es gibt drei Ansätze – raten Sie mit, welches der wahrscheinlichste ist.

1. Die sechsjährige Grundschule ist schuld

Der heimliche Hamburger Schulsenator und Chef der Bürgerinitiative „Wir wollen lernen“ Walter Scheuerl hat diese Interpretation:

„Was Brandenburg betrifft, müssen wir die Fakten zur Kenntnis nehmen:Brandenburg hat in den 90er Jahren die Grundschulzeit von 4 auf 6 Jahre verlängert . Die hiervon betroffenen Schüler haben an den PISA-Erhebungen teilgenommen. Es wurde, wie dem Abschlussbericht PISA '06 zu entnehmen ist, 'für Brandenburg ein bedeutsamer Anstieg des sozialen Gradienten von PISA 2000 nach PISA 2006 festgestellt.' (PISA 2006 in Deutschland, Prenzel et al., Waxmann 2008, S. 339f.)"

Was der Mann von der Untergrund-CDU meint, kann er auch klarer sagen: „Diese Abhängigkeit hat ausgerechnet in Brandenburg noch stark zugenommen, NACHDEM dort in den 90er-Jahren die 6-jährige Grundschule eingeführt wurde.“

Das ist die eine Interpretation. Die andere könnte so aussehen:

2. It´s the economy, stupid!

Das Land Brandenburg verzeichnet nämlich einen gewaltigen Boom an Privatschulen. Rund um Potsdam sind es mittlerweile 20 Prozent Privatschüler. Insgesamt gibt es in der Mark 158 private Schulen. In den letzten drei oder vier Jahren sind Dutzende dazu gekommen.

Privatschulen entmischen die Schülerschaft entlang wirtschaftlicher Kriterien, sagen Bildungsforscher wie Jürgen Oelkers. Weil sich nicht jeder Schulgeld leisten kann – selbst nicht relativ geringe Beträge von 50 bis 150 Euro, die es gibt. Im Grundgesetz nennt man das: Verbot von wirtschaftlicher Sonderung durch Privatschulen.

Es gibt aber noch eine andere, eine dritte Sichtweise.

3. Der Sieg der Bildungsbürger

Es könnte sein, dass die Bildungsbürger ihre Lektion gelernt haben. Zwar hat Brandenburg mit seinen Schülern seit Pisa 2000 insgesamt ordentliche Zuwächse erzielt.

Aber die steilsten Gewinne hat die so genannte obere Dienstklasse gemacht. Genauer die Kinder der Beamten, Selbständigen und Akademiker. Sie haben bei den Pisaergebnissen stark zugelegt – viel stärker als die Kinder der Facharbeiter und Ungelernten.

Also, wieso sind Brandenburgs Teenies vom Spitzenplatz der Sozialen Erfolgserwartung ans Tabellenende geplumpst?

Die Begründung von Hamburgs Walter Scheuerl klingt wenig plausibel: Denn Brandenburg hatte nie eine 4-jährige Grundschule. Insofern ist es schlicht falsch zu sagen, „Brandenburg hat in den 90er Jahren die Grundschulzeit von 4 auf 6 Jahre verlängert“. Sofort nach der Wende wurde die POS, die Polytechnische Oberschule, vielmehr von 10 auf sechs Jahre verkürzt.

Und wieso hätte diese sechsjährige Grundschule im Jahr 2000 ein Super-Sozialwert produzieren sollen? Und dann 2006 einen miserablen? Dafür gibt es keine Anhaltspunkte – zumal das WEIL und NACHDEM Walter Scheuerls keinen Sinn ergeben.

Der Privatschulboom spielt da gewiß hinein. Mehr Privatschulen, mehr soziale Verwerfung – diese Zusammenhang liegt nahe. Die Forscher des Leibniz-Instituts in Kiel prüfen derzeit auf Anfrage von pisaversteher.de den Anteil der Pirvatschüler an der jüngsten Pisastichprobe.

Der Sprecher des Brandenburger Ministeriums wiegelt indes ab. „Da sage ich mal, nein“, meint Stephan Breiding. „Denn der Boom der Privaten ist noch zu frisch. Das kommt erst später im Pisa-Prüfungsalter an.“

Die Forscher des Leibniz-Instituts hingegen klären auf. Sie haben Pisa 2006 errechnet, und sie haben dabei für Brandenburg vor allem einen Trend unter den Zuwächsen ausmachen können. Die erfolgreichste Schicht beim Gang aufs Gymnasium ist die Oberschicht. Sie konnte ihren anteiligen Zugang aufs Gymnasium auf 60 Prozent steigern – ein Zuwachs von über zehn Prozentpunkten gegenüber 2000. Alle anderen Schichten schicken zunehmend weniger Kinder aufs Gymnasium. 

Gibt es eine Entwicklung im Land, die ein solches Ergebnis plausibel macht?

Allerdings. Es findet seit kurzem ein regelrechter Run gut betuchter Leute in den Berliner Speckgürtel statt. Das ist die Potsdam Mittelmarker Region um Kleinmachnow und Teile des Havellandes. Dorthin zieht typische Gymnasialklientel, die es wichtig findet und versteht, den Nachwuchs auf die Penne zu hieven.

Wer Elternversammlungen in Kleinmachnow erlebt hat, weiß wie aggressiv und kämpferisch das Bürgertum dort Gymnasialplätze einfordert – und sich holt. „Dieser Zuzug hat die normale Brandenburger Sozialstruktur aufgebrochen“, meint Breiding.

Das Drama von Schulerfolg und sozialer Gerechtigkeit

Brandenburgs Entwicklung zeigt also das Drama von Schulerfolgen, Privatschulboom und sozialer Gerechtigkeit. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass alle Schüler besser werden. Die Zuwächse der Leseleistungen seit dem Jahr 2000 sind die zweitstärksten in Deutschland überhaupt. Das ist ein uneingeschränkt gute Botschaft.

Dennoch verweisen die Pisaforscher mit Recht darauf, dass Besserwerden allein nicht reicht. Die Schere zwischen guten und schlechten Schülern geht nämlich auf – wenn Akademikerkinder ihre Leistungen stärker verbessern als die Arbeiterkinder.

Hinzu kommt in Brandenburg, dass die bildungsbürgerlichen Schichten ihren Anteil am Gymnasium ausweiten. Die intellektuelle Oberschicht, so die Interpretation der Forscher, hat ihre Lektion aus Pisa gelernt. Das ist gut – aber es bringt das sensible Gleichgewicht der Bildungsgerechtigkeit sofort aus dem Lot, wenn im unteren Leistungssegement nicht ebenso große Erfolge erzielt werden. Und das ist nicht der Fall.

Die große Frage ist: Was passiert, wenn in Brandenburg die Privatschulen richtig loslegen? Der Anteil der Gymnasien liegt schon jetzt bei über 20 Prozent. Wenn deren Schülerzahl diesen Wert ebenfalls erreicht hat, könnte Brandenburg bald der Spitzenreiter sein: Des sozialen Ungleichgewichts von Schulerfolgen.

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