19.04.2010
09:15

"Wer hat ihre Seelen geraubt?"

Michael Wesch, der Anthropologe des Web2.0, über das neue Lernen und welche Rolle der Computer dabei spielt

INTERVIEW SEBASTIAN HIRSCH/@cervus

 

Michael Wesch, sind Computer die Zukunft des Lernens?

Michael Wesch: Ja, ich glaube sogar, dass wir sie irgendwannn direkt an den Kopf anschließen. Kleine Memorysticks, die für uns die Fakten verwalten.

Das ist jetzt nicht ihr Ernst.

Klar nicht. Wir beginnen eben erst zu verstehen, was Computer alles besser können. Wir sollten also aufhören, uns mit dem Zeug aufzuhalten, was die einfach besser drauf haben.

Was ist das?

Zum Beispiel vergeuden wir so viel Zeit damit, unseren Studenten zum Auswendiglernen zu bringen. Und hinterher fragen wir diese Informationen in Examen wieder ab. Das muss doch aufhören!

Aber Fakten sind wichtig.

Ja, klar, man braucht sie. Nur sollten Studenten keine Fakten büffeln, sondern bedeutungsvolle Zusammenhänge herstellen können. Sie sollen Gesetzmäßigkeiten und Strukturen erkennen.

Das Erkennen und Lesen von Zusammenhängen ist die einzigartige Fähigkeit des Menschen. Sie zu stärken, ist die Aufgabe von Bildung.

Wie machen Sie das?

Wir versuchen Studenten nicht als Informationsapparate zu benutzen. Ihre Fragen und ihre Sicht auf die Dinge sind wichtiger als der Vortrag des Dozenten.

Ist das eine Art Anti-Lehre?

Man könnte es „Lehren als eine subversive Tätigkeit“ nennen. Das ist nicht von mir, sondern der Titel eines Buchs von Neil Postman und Charles Weingartner. Ich lese es zweimal im Jahr, um mir neue Energie zu holen für die Frage, worum es an der Uni eigentlich geht.

Im Klappentext steht, das Buch sei ein Anschlag auf abgelaufene Lehrmethoden. Und ein Vorschlag, wie man Bildung für die Welt von heute wieder bedeutsam machen kann.

Und die haben das vor 40 Jahren geschrieben! Die haben schon damals gewusst, dass es gar keine neue Idee ist, wie man anders lernt. Wir es können es um uns herum schon sehen.

Was passiert da draußen?

Es ist faszinierend, wie viele informelle Lerngelegenheiten rund um echte Probleme im wahren Leben stattfinden. Wir sollten keine Zeit im Seminarraum vergeuden, wenn wir die Chance haben, echte Probleme des Lebens zu thematisieren.

Ein Problem provoziert uns, es motiviert und zwingt uns, anders zu denken, neues Wissen zu testen, andere Wege zu gehen. In den Institutionen von Bildung und Wissen finden sie das kaum.

Warum hat sich an den Unis und Schulen im Umgang mit Wissen so wenig verändert?

Ein einfaches Umschalten ist nicht möglich, weil das System des Lernens große Trägheitsmomente in sich trägt. Das beginnt bei den physikalischen Strukturen. Die Lehrgebäude der Hochschulen und die Klassenzimmer diktieren uns, wie wir Sachen lehren und lernen. Dazu kommt die Bürokratie. Dozenten haben bestimmte Aufgaben, sie müssen Lehrpläne befolgen. Es ist nicht einfach, das alles neu zu organisieren. Am schwierigsten aber ist es, unsere Vorstellung, wie Lernen abläuft, zu verändern.

Wo ist das Problem?

Es ist diese grundlegende und falsche Vorstellung von Lehrern: Wie kriege ich mein Wissen in Deinen Kopf? Ein Konzept, das Totenstille verursachen kann.

Das müssen sie erklären.

Nichts nimmt mir so den Wind aus den Segeln wie der erste Vorlesungstag. Man kommt in den vollen Hörsaal. Man kann sein eigenes Wort kaum verstehen, weil alle aufgeregt miteinander reden und voller Energie sind. Aber plötzlich hat man absolutes Schweigen. In dem Moment, an dem ich ans Pult trete, ist es absolut still.

Das ist doch beeindruckend.

Ja, aber ich frage mich in dem Moment auch:

Was hat ihre Seelen geraubt? Was diszipliniert sie derart, dass ein kleines Männlein wie ich sie verstummen lässt? Wer hat ihnen das angetan?

Ich sehne mich nach dem Tag, an dem sie das nicht mehr zulassen, dass sie verwirrt sind, wenn ich ans Pult trete. Das wäre großartig. Aber wir sind noch nicht soweit. 

Was ist daran so falsch, wenn Studenten über ihr Wissen staunen?

Wissen zu vermitteln – das ist eine ziemlich niedrige und primitive Version von dem, was Lernen eigentlich sein könnte. Die wirklich großen Momente des Lernens haben nichts mit Memorieren, sondern mit Transformieren zu tun.

Aha.

Jeder aktive Prozess des Lernens geht mit der Zerstörung von Vorstellungen einher.

Wenn du wirklich etwas neues lernst, dann musst du die Mauern deiner bisherigen Gedankengebäude einreißen. Alles, von dem du bisher dachtest, es sei richtig.

Das alles muss in ein neues Modell übersetzt werden.

Wie geht das? Konfrontieren Sie ihre Studenten mit neuen Technologien – oder setzen sie unter die Urmenschen in Papau-Neuguinea?

Ja, das würde ich am liebsten machen! Aber im Ernst, Transformation ist eine gefährliche Sache. Und das macht es nicht gerade einfach, sie ins Seminar zu bringen.

Warum gefährlich?

Ich habe die Angst, die Vorstellung der Studenten zerstrümmert zu haben – und das Seminar ist zu ende. Wir haben ja nur 15 Wochen pro Semester.

Gibt es keinen Weg, die 15 Wochen-Frist auszutricksen?

Man kann es versuchen, ja, zum Beispiel mit Technologie. Sie hilft uns, Situationen zu kreieren, in denen informelles Lernen stattfindet – das es überall gibt und das keinerlei Grenzen kennt. Das ist das gute an informellen Lernsituationen und Technologien. Superspannend, nur weit außerhalb unserer eingeübten Tagesabläufe und Lernroutinen. Aber wir werden nunmal dafür bezahlt, im herkömmlichen Apparat zu arbeiten – und nicht in den informellen Strukturen außerhalb des Systems.

Technik ist was feines – aber was ändern sie innerhalb des Systems?

Wir experimentieren gerade damit, wie sich Studenten untereinander die Noten geben. Das klingt für viele Professorenkollegen sehr negativ. Ich finde, wir mobilisieren die Schwarmintelligenz fürs Notengeben.

Was meinen Sie damit?

Sich gegenseitig zu benoten, hat viele positive Effekte.

Zum Beispiel?

Sie müssen die Arbeit des anderen wertschätzen. Die Studenten teilen sich viel mehr mit, sie arbeiten härter und genauer. Denn sie müssen, wenn sie eine Note geben sollen, über viele Sachen nachdenken – genau über die Sachen, von denen wir wollen, dass sie sie reflektieren. #

Und das funktioniert? Sind die Noten denn gerecht?

26 von 200 Kommilitonen fühlten sich nicht korrekt benotet. Die habe ich nachkorrigiert, drei habe ich verbessert. Aber um die Ziffer der Note geht es gar nicht. Wichtig waren die neuen Lernprozesse, die plötzlich in Gang gesetzt wurden – und die Fehler. 

Was ist schief gelaufen?

Es wurden Noten mit ganz falschen Begründungen vergeben. Daraus haben wir paradoxerweise am meisten gelernt. 

Wie das?

Die Studenten haben gemerkt, das sie jeden im Seminar auf ein bestimmtes Niveau bringen müssen.

Sonst kapiert der andere Student ihre eigene Arbeit womöglich nicht – und gibt ihnen möglicherweise eine schlechte Note. Jeder muss also in die Lage versetzt werden, den Essay eines Kommilitonen einschätzen und bewerten zu können. 

Warum ist ihnen das so wichtig?

Wir versuchen, dass keiner hinten runter fällt, sondern in die Welt hinausgeht als einer, der etwas kann. Das ist ein anderer Versuch, in der Klasse so etwas wie Gesellschaft, wie Realität herzustellen.

Ist das Seminar sonst nicht real?

Unter Uni-Dozenten gibt es so einen Spruch von der „echten“ Welt. Dass die überall ist – bloß eben nicht im Seminarraum. Das ist doch bizarr! Und ein perfektes Beispiel dafür, wie sehr wir uns in unseren Lehrgebäuden vom wahren Leben da draußen abgekoppelt haben.

Kann man an Redenwendungen die Fehler der Uni festmachen?

Ja, nehmen sie ein anderes Klischee. Dozenten oder Lehrer sagen gerne, sie gehen jetzt in ihre Klasse. Gerade so als gehörte sie ihnen, als wäre es ihr privates Eigentum.

Was ist daran schlimm?

Das Seminar ist überhaupt nicht privat, ganz im Gegenteil. Wir haben im Seminar oder im Klassenzimmer das ganz besondere eines gemeinsamen geteilten Raums. Das ist ein Segen und etwas Großartiges. Wir sollten wahrnehmen, welche Kreativität in diesem Raum steckt – und sollten nicht die Tür zumachen und denen jetzt irgendwelche Inhalte verfüttern.

Wie kann man das tun?

Eine meiner Kolleginnen sagt sich: 'Okay, da gibt es einen bestimmten Korpus von Wissen, den muss ich vermitteln - aber warum sollte ich die wertvolle Zeit im Seminar dafür vergeuden?' Also stellt sie ihre Vorlesung online und nutzt die Zeit in der Klasse ausschließlich für das, wozu sie ideal ist: Um Ideen zu teilen, mit jedem zu teilen, der da drin ist. Das heißt die Studenten konsumieren nicht mehr. Sie sind die Experten, sie sind unser kreativstes Gut. Und wir wollen was von denen!

Aber wir hören doch seit Jahrzehnten, dass wir uns gar nicht mehr im Seminar zu treffen brauchen, weil es Chat oder Videokonferenz gibt.

Nein, die Qualität des face-to-face-Gesprächs ist online oder technologisch noch nicht nachgemacht worden – bis heute jedenfalls nicht. Mal sehen, was noch kommt. Wir müssen den Seminarraum erst wieder neu verstehen. Die physische Realität von Angesicht zu Angesicht jetzt Ideen auszutauschen ist unvergleichlich.

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