24.08.2011
11:30

Bildung - der letzte Hort der Ideologie

Schulstadträtin blockiert Schulentwicklung

Bis gestern abend wusste ich nicht, was Ideologie ist. So lautete mein Tweet heute morgen, als ich immer noch Kopfschmerzen hatte vom Auftritt einer Schulstadträtin aus Berlin. So etwas bockbeinig Ideologisches habe ich noch nicht erlebt. Ich muss das erläutern, weil man da viel über Schule und Psychologie lernen kann.

Höch und Greenwich wollen zusammen gehen

In Reinickendorf, einem Berliner Bezirk, gibt es zwei Schulen, die sich zu einer Gemeinschaftsschule zusammentun wollen. Die Grundschule namens Hannah Höch-Schule ist eine sehr gute Schule, die seit Jahren gute Erfahrungen mit Lernbüros und heterogenen Lerngruppen macht. Die weiterführende Schule, Greenwich-Oberschule, wurde vor zehn Jahren gegründet, um irgendwann mit der Höch zu verschmelzen. Die Höch wie die Greenwich machen Schule in komplexer sozialer Lage des Märkischen Viertels, mehr als die Hälfte der Kinder kommen aus Migrationsfamilien bzw. Hilfeempfängern. Die Hannah-Höch-Schule verlassen nach sechs Jahren über 50 Prozent gymnasialempfohlener Kinder – und sie dann gehen weg in Gymnasien und damit in andere Sozialräume. Derweil bekommt die Greenwich-Schule nur die schwächeren Kinder aus der Höch und die kombiniert sie mit Langsamlernern, die ihr aus anderen Schulen zugewiesen werden. Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung würde dazu sagen: Es wird künstlich ein negatives Lernmilieu konstruiert, eine Verliererschule, in der sich die Kinder gegenseitig runter ziehen.

Alle wollen die Gemeinschaftsschule – nur einer nicht

Die beiden Schulen wollen diesen Teufelskreis durchbrechen, sie wollen zu einer Schule fusionieren, die Kindern beim Übergang KEINE Unterbrechung und KEINEN Schulwechsel mehr aufnötigt, sondern perspektivisch sogar das Abitur am Standort ermöglicht. Die Eltern wollen dieses Konzept, die Lehrer wollen es auch, vor Ort gibt es einen erfolgreichen Industriebetrieb, der die Schulen unterstützt, das Land Berlin gibt obendrein die Möglichkeit, die Schule umzuwandeln. Trotzdem ist das Zusammengehen der beiden Schulen verboten. Es wird verhindert durch eine Frau, die dummerweise die Schulstadträtin und damit die Schulträgerin ist.

"Meiner Überzeugung nach geht das nicht"

Diese Frau, Katrin Schultze-Berndt (CDU), war nun eingeladen in die Höch-Schule, um mit den Schulen ins Gespräch zu kommen – und es wurde ein Fest des Kant'schen Diktums vom selbstverschuldeten Nicht-Ausgang aus der Unmündigkeit. Frau Schultze-Berndt begründete ihre Ablehnung ausschließlich durch ihre ganz persönliche Überzeugung, dass das Lernen in integrierten Schulen nicht funktionieren kann. Grundsätzlich nicht, glaubt sie. Sie schickte ihrer Überzeugung voraus, dass das Land, regiert von Rot-Rot, das gegliederte Schulwesen zerschlagen wolle – und sie werde das in Reinickendorf qua ihres Amtes nicht zulassen.

Auch Hinweise, dass das gemischte Lernen in der Höch-Schule gut funktioniert und dass es nicht um ein abstraktes Schulsystem, sondern konkret um zwei Schulen vor Ort und die Entwicklung der Kinder dort gehe, konnten Katrin Schultze-Berndt nicht aus der Ruhe bringen. Sie zitierte eine Studie von Helmut Fend, die besagt, dass die kognitiven Leistungen, die Gesamtschüler erbringen, auf Dauer gesehen, sich abhängig vom Sozialstatus NICHT annähern. Mit anderen Worten: Bauernsohn bleibt irgendwie intellektuell immer Bauernsohn, Arzttochter macht stets irgendwie Karriere – das bleibt so, obwohl sie beide auf einer Gesamtschule waren.

Das kann zwar kein Argument gegen den Aufbau einer funktionierenden Schule sein, die auf den Schlag die soziale Mischung der Schule vor Ort verbessert. Aber darauf reagierte Schultze-Berndt mit der stereotypen Wiederholung, dass das Lernen in heterogenen Gruppen eben nicht klappen kann – ihrer Ansicht nach.

„Wir fühlen uns nicht ernst genommen“

Die Bürger verstanden Schultze-Berndt nicht. Sie sagten, „wir fühlen uns nicht ernst genommen“, sie sagten, „vertrauen sie doch uns, dass wir das wollen und können“, sie sagten, „sie haben gar nicht die Kompetenz uns das zu verbieten“, es sei rechtlich möglich, also solle sie sich dem Willen der Menschen nicht in den Weg stellen. Der anwesende Manager sagte, er stehe grundsätzlich der Union näher, aber er verstehe nicht, warum jemand seiner Parteipräferenz etwas gutes verhindern will, nur weil er es verhindern kann. „Wieso machen wir das nicht, wenn es erlaubt ist, wenn es gut ist und wenn alle es wollen? Ich jedenfalls werde in Reinickendorf nicht CDU wählen, und ich kann das auch niemandem empfehlen.“

Nicht mehr runter von der Palme

Es war vollkommen sinnlos Argumente auszutauschen. Die Stadträtin wollte nicht mehr runter von der Palme, auf die sie nunmal geklettert ist. Und die anderen waren so wütend, dass sie immerfort mit Kokosnüssen nach Schultze-Berndt warfen. Aber sie konnten nicht gar mehr treffen, weil sie inzwischen ganz weit oben auf der Palme sitzt, da kommt man nicht mehr ran.

Ideologie ist, das habe ich gelernt, wenn jemand mit seinem Glauben und seiner Überzeugung gegen die Wirklichkeit regiert – und dies offensichtlich auch deswegen tut, weil er damit andere ärgern kann. Eine solche Ideologie gibt es heute fast an keiner Stelle mehr - außer in der Bildung.

Das ist ein großes Problem. Denn wir müssen viele Schulen in Deutschland entwickeln, wir haben nicht mehr genug Kinder, um sie auf drei Schulformen aufzuteilen und im übrigen macht das Lernen in gemischten Gruppen mehr Spaß. Es ist pädagogisch interessanter und auch efolgreicher wie viele viele Schulsysteme auf der Welt zeigen. Aber wenn Schulreform von unten durch Ideologie vor Ort, gewissermaßen mit dem geistigen Baseballschläger, verhindert wird, dann stehen wir vor einer großen Herausforderung.

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