14.12.2011
11:03

OER-Plattformen bauen – nicht Trojaner!

 

Lehrerverbände lassen sich von Kultusministern und Schulbuchverlegern hinter die Fichte führen

Willkommen, Herr Lehrer, in der richtigen Politik. Die Lehrerverbände Philologenverband, GEW und VBE haben sich beim Gespräch über den Rahmenvertrag zu § 53 Urheberrechtsgesetz (kurz: Baubeschluss für den „Schultrojaner“) hinter die Fichte führen lassen.

Als das Gespräch (u.a.) mit den Schulbuchverlagen, dem Kultusminister-General Udo Michallik und der VG Wort zuende war, konnte es den Lehrervertretern gar nicht schnell genug gehen zu verkünden, die Trojanergefahr sei gebannt, jetzt beginne die Suche nach Alternativen. Das sollte wohl heißen, so die Botschaft an die Bürger und die Lehrer: Der Trojaner wird gestoppt. Die Programmierung einer Spähsoftware, die Schul- und damit auch Lehrerrechner nach digitalen Kopien filzt, wird beendet.

KMK und Schulbuchverlage bewegen sich keinen Millimeter

Aber, äh, nichts von alledem! Das wäre auch zu schön gewesen. Die Konferenz der Kultusminister (KMK) und die Buchverlage haben sich in Wahrheit keinen Millimeter bewegt. Sie haben einfach das Bestehende zum Neuen umetikettiert.

Man muss nur die Euphorie-Blasen der GEW neben die knochtrockenen Erklärung der KMK legen, dann weiß man, wer Hase und wer Igel ist. Die GEW meint, sie hätte durch ihr Engagement irgendwas verhindert: „2012, so das Ergebnis des heutigen Gesprächs im Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK), werde keine Schnüffelsoftware eingesetzt.“

Verlage basteln munter an ihrem Schultrojaner

Das ist, mit Verlaub, Quatsch: Die Verlage basteln munter weiter an ihrem Trojaner. Dass er 2012 nicht kommt, hat mit der Komplexität der Aufgabe und verlageinternen Querelen zu tun – aber nichts mit irgendwelchem Lehreraufbegehren. Die „beschriebene 'Scansoftware' wird nach Einschätzung der Vertragspartner bis auf Weiteres, jedenfalls nicht im Jahr 2012, zum Einsatz kommen“ - aber nur, weil sie schlicht noch nicht fertig ist. Die Botschaft der KMK-Erklärung heißt nicht, „wir haben uns getäuscht“, nein, dort steht: „Der Vertrag ist gut! Der Trojaner wird gebaut! (Es daurt nur ein bisschen.) Das Urheberrecht ist wichtig!“

Kein Wort zum intelligenten Lernen mit 2.0-Bausteinen

Das bemerkenswerte an der KMK-Erklärung ist folgendes: Es steht dort mit keinem Wort erwähnt, dass Lehrer intelligenten Unterricht mit digitalen Bits aus dem Netz machen sollen! Die KMK predigt Dienst nach Vorschrift – der Betrieb läuft halt (schlecht) weiter, so heißt die subkutane Mitteilung.

Man muss sich nur beiden Alternativen zum Trohjaner anschauen, um die ganze Blauäuigigkeit der Lehrerverbände zu entlarven: Es heißt bei der GEW, alle Beteiligten arbeiteten an Alternativen. Aha, was sind die Alternativen? Derer gibt es zwei: „open educational resources“, also frei zugängliche Lernmaterialien im Netz – und mehr Geld.

Weiter "best of schoolbook" zusammenkopieren

Das hieße also: Statt des Trojaners wird der kollaborative Markt für „open educational resources“ vorangetrieben. Denn tatsächlich steht die Lehrer2.0-Crowd um @herrlarbig in den Startlöchern, um die CC- und OER-Plattformen mit intelligenten Lernbaustein zu füllen. Und es gibt mehr Geld für Lehrer1.0, um sich weiter seinen Unterricht als ein „best of schoolbook“ zusammenzukopieren.

Allein, diese beiden Aufgaben haben weder die Kultusminister noch, pardon, die hypermoderne GEW auf dem Schirm. Oder gibt es etwa eine Lernen2.0-Abteilung unter den organisierten Lehrern? Oder kennt General Michallik schon jene Abteilungen seiner Minister, die OER denken? Und die andere Alternative, mehr Geld, ist billig zu haben – als Forderung. Die GEW hat im übrigen noch nie etwas anderes gefordert.

Das Lernen der Zukunft, kollaboratives, crowd-basiertes forschendes Lernen, das zugleich sehr individuell ist, steht vor der Tür. Nur: Hinter der Tür steht nicht die GEW, nicht 600.000 Lehrer, und schon gar nicht die KMK. Sondern eine ziemlich intelligente, aber auch ziemlich kleine Gruppe von Twitter-Teachern. Sie warten auf Couragierung und konkrete logistische Hilfe, etwa durch eine Crowd-Source-Plattform, aufgebaut durch die KMK. Aber das Gegenteil ist der Fall: Nicht die OER-Plattform wird gebaut, sondern, mit Verlaub ein trojanisches Pferd, das so hölzern ist wie seine mythologischer Vorfahr. Das ist das durchaus ernüchternde Ergebnis des Gesprächs am 13.12.11.

 

Zu sehen hier, in der Dokumentation: Erklärung der Kulktusminister nach dem Schulbuchgespräch am 13. Dezember 2012:

 

Kultusministerkonferenz: Handlungsfähigkeit der Schulen, Datenschutz und Schutz des geistigen Eigentums oberstes Gebot

In Berlin haben sich heute Vertreterinnen und Vertreter der Länder, der Lehrerverbände und der Rechteinhaber erneut mit dem „Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen gem. § 53 UrhG“ befasst. Die Gesprächspartner sind sich einig, dass mit dem Vertrag grundsätzlich ein Rechtsrahmen geschaffen ist, der die Schulen handlungsfähig macht, Rechtssicherheit schafft und der zugleich die Rechte der Verlage und Autoren schützt.

Der Gesamtvertrag regelt Möglichkeiten von Vervielfältigungen für den Unterrichts- und Prüfungsgebrauch aus urheberrechtlich geschützten Werken. Er schafft eine rechtliche Grundlage dafür, dass Schulen in bestimmtem Umfang auf urheberrechtlich geschützte Inhalte zugreifen und diese ohne bürokratischen Aufwand für die Schule nutzen können. Ohne diesen Vertrag müsste jede Schule im Hinblick auf Unterrichtswerke zunächst bei dem betroffenen Verlag die Erlaubnis zum Kopieren einholen und dann einzeln mit dem Schulbuchverlag abrechnen. Dieses Verfahren beträfe rund 43.000 Schulen, 90 Verlage und 40.000 Verlagsprodukte.

Die in § 6 Absatz 4 des Vertrages beschriebene „Scansoftware“ wird nach Einschätzung der Vertragspartner bis auf Weiteres, jedenfalls nicht im Jahr 2012, zum Einsatz kommen. Die Vertragspartner verabredeten, im ersten Quartal 2012 ein weiteres Gespräch zu führen, um mögliche Alternativen zu diskutieren. Alle Gesprächsteilnehmer waren sich einig, dass das geistige Eigentum zu schützen sei und die Rechte der Verlage und Autoren, vor allem auch der beteiligten Lehrkräfte, gewahrt werden müssen. Die Lehrerverbände werden weiter in die Gespräche einbezogen.

 

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