25.06.2009
21:58

Ein Bürgertum, das seine meritokratischen Tugenden verrät

Lieber Herr Scheuerl,

"Der Unterschied zwischen Ihnen und mir ist der: Wir wollen das Schulsystem ändern - um jedem Kind eine Chance zu geben.
Sie wollen alles so belassen, wie es ist – damit schulischer Erfolg weiter nach Stand und Geburt vergeben wird."
 

 Walter Scheuerl hat die Bürgerini "Wir wollen lernen" gegründet, um mit ihr in Hamburg gegen die Einführung einer sechs Jahre dauernden Grundschule zu agitieren. Scheuerl warf mir in einem Mailing an seinen Verteiler vor, Wasser zu predigen und Wein zu trinken. (Siehe unten) Dazu schrieb ich ihm diesen Brief:

Lieber Herr Scheuerl,

vielen Dank für Ihr mail. Ich habe mich gefreut, wieder einmal von Ihnen zu hören. Und ich habe mich zugleich gewundert.

Ich darf Sie nämlich korrigieren. Es ist falsch, dass ich wegen der Kinder aus dem Wedding weggezogen wäre. Ich, wir sind im Gegenteil schwanger dorthin gezogen. Und haben uns dann ein paar Jahre später wieder wegbewegt – aus ganz privaten Gründen, wie etwa dem Wunsch, nahe bei Freunden und Geschwistern zu sein. Sie verstehen, dass das kein Thema für eine öffentliche Talkshow ist.

Aber das: Die Qualität der Kindergärten und Schulen im Wedding. Nein, Frank Plasberg hat mich nicht etwa überführt oder verhört oder dergleichen. Was Ihnen wie eine investigative Meisterleistung dünkt, hatten wir ganz unaufgeregt in einem redaktionellen Vorgespräch erörtert. Was Sie als Sensation feiern, habe ich vor über 2 Millionen Fernsehzuschauern gesagt:

Ich würde nicht wollen, dass "mein Sohn der einzige native speaker seiner Lerngruppe ist".

Und ich kann auch niemandem raten, sein Kind in jene "differenziellen Lernmilieus" (Jürgen Baumert) zu stecken, die durch eine unkluge Integrations- und Stadtteilpolitik sowie eine verfehlte schulische Struktur künstlich erzeugt werden.

Ich frage mich, ehrlich gesagt, wieso ausgerechnet Sie meinen Satz skandalisieren? Sie klagen an, ich dürfe das nicht tun, weil ich eine grundlegende Schulreform propagierte.

Ja, ich plädiere politisch für eine radikale Schulreform, die allen Kindern die gleichen Chancen einräumt. Warum sollte ich im privaten meine eigenen Kinder davon ausnehmen?

Ich glaube, hier liegt der Unterschied zwischen Ihnen und mir. Er steht prototypisch für die Differenz zwischen vorsichtigen, aber entschlossenen Reformern – und einem Bürgertum, das Verrat an seinen meritokratischen Tugenden begeht:

Wir wollen das Schulsystem ändern - um jedem Kind eine Chance zu geben und dem Land eine Zukunft.
Sie wollen alles so belassen, wie es ist – damit schulischer Erfolg weiter nach Stand und Geburt vergeben wird.

Sie treten damit (wie übrigens Herr Schindler in Berlin auch) aktiv gegen eine demokratische und gerechte Schule auf. Das sei Ihnen unbenommen. Für Ihre eigene Untätigkeit aber wollen Sie nun andere in Haft nehmen: Wir sollen unsere Kinder in jene Chaosschulen stecken, für deren Erhalt Sie mit Verve in der Öffentlichkeit auftreten.

Verstehe ich Sie richtig, Herr Scheuerl: Sie kämpfen wie ein tapferer Held für den Erhalt schlechter Schulen – und verlangen von mir, dass ich meine Kinder dorthin schicke?

Wenn wieder einmal Fragen auftauchen sollten, dann kehren Sie gerne zu unserer und der guten Praxis des gepflegten Argumentierens zurück. Fragen Sie Ihre Fragen und warten Sie die Antworten ab – gerne auch im direkten Gespräch.

Mit besten Grüßen

Christian Füller

Das Mailing von Scheuerl an seine Hamburger Ini und Interessierte sah so aus:

Liebe Hamburgerinnen und Hamburger,
liebe Eltern und Großeltern, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Schulleitungen, liebe Lehrkräfte,

die Sendung "Hart aber fair" vom 17.6.2009, die sich mit dem Thema Frühförderung schon im Kindergartenalter beschäftigt, ist jetzt online:

ARD v. 17.6.2009: Hart aber fair - Zweiklassengesellschaft schon im Kindergarten?
http://www.wdr.de/themen/global/webmedia/webtv/getwebtv.phtml?p=4&b=229

Interessant ist darin unter anderem das Selbstbekenntnis des taz-Redakteurs Christian Füller, der noch wenige Tage zuvor in seinem Artikel bei SPIEGEL-Online unter der Überschrift: "My Kind first - Wie Eltern gute Schulen verhindern" abwegige klassenkämpferische Thesen vertreten hat (Auszug: "Sie wollen gute Schulen und eine gerechte Gesellschaft - aber nur, wenn's dem eigenen Kind nützt. Eltern sind die größten Bremser im Schulsystem. Sie bekämpfen erbittert Reformen und grenzen sich nach unten hin ab: bloß keinen Kontakt zur Unterschicht."; hier geht's zum Füller-Artikel: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,627628,00.html).

Nach seinem Selbstbekenntnis in der Sendung 'Hart aber fair' muss sich taz-Redakteur Füller jetzt vor allem an die eigene Nase fassen: Moderator Frank Plasberg spricht Füller in der Sendung 'Hart aber fair' darauf an, dass Füller aus Wedding weggezogen und zum Prenzlauer Berg umgezogen ist, damit seine Kinder nicht in die Kitas und Schulen in Wedding gehen müssen. Füller räumt daraufhin (zu sehen ab Sendeminute 62:10) ein: 

Zitat Christian Füller:

"Wenn ich eine politische Meinung vertrete, dann kann ich doch nicht meinen Sohn zum Experiment machen und sagen: OK, weil ich 'ne politische Meinung hab', gehst Du in 'ne 100-Prozent-Zuwanderer-Kita."

Christian Füller, ein weiterer Prediger, der Wasser predigt und Wein trinkt?

Herr Füller, der auf Podiumsdiskussionen dazu neigt, gegen die Unterstützer der Volksinitiative "Wir wollen lernen!" zu wettern, sollte sich einfach einmal in die Lage Hamburger Eltern versetzen: Dann wird er verstehen, weshalb die Hamburger Eltern sich dafür einsetzen, die Hamburger Schulen, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Schulleitungen nicht zum parteipolitischen Experimentierkasten zu machen. In keinem Hamburger Stadtteil und in keiner Hamburger Schule wird sich an den sozialen Verhältnissen dadurch etwas zum Positiven ändern, dass die Klassen 5 und 6 den Grundschulen angegliedert werden und das Elternwahlrecht abgeschafft wird.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen sehr guten Start in die Woche!

Herzliche Grüße,
Walter Scheuerl

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