11.08.2011
12:19

Diskurs2.0 nur ohne Burka

Die taz macht am Freitag ein Pro und Contra zur Anonymität im Netz. Zusammen mit @flueke bestreite ich dieses Thema. Das Contra steht vorab bei pisaversteher.

Mein Verfolger ist eine multiple Persönlichkeit. Er löscht bei Wikipedia in einem Sachartikel alle neuen Textteile, er radiert sämtliche Fußnoten aus. Als Anonymus. Wenig später meldet er sich auf der taz-Kommentarspalte als fristian chrüller – und erzählt Märchen. Er loggt sich auch bei Twitter mit Maske ein.

Ich bin keine Celebrity, die einsam in einer 40-Zimmer-Villa lebt. Ich habe keine Angst vor meinem Verfolger. Aber er nervt trotzdem. 

Mit Kapuzenpulli im Netz

Mein Verfolger ist ein Kind, ein Kind der Anonymität im Netz. Er findet heute witzig, was wir damals in der Schülerzeitung machten: Lehrer anonym derblecken. Aber er ist eben nicht 14 und hat Pickel, sondern ein erwachsener Mann, wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Uni. Dennoch benimmt er sich wie ein Teenie in London. Nur dass er sich keinen Kapuzenpulli über die Stirn hängt, sondern mit immer neuen Avatar-Socken über der Nase digitale Brandsätze wirft, ein smart stalker.

„Ich schreibe anonym“, sagt er unschuldig, „da Argumente unterschiedlich wirken bzw. unterschiedlich wahrgenommen werden, je nachdem von wem sie kommen und ich meine Argumente im Raum und nicht deshalb abgetan wissen will, weil ich … in die Reformpädagogik-Ecke gehöre.“

Inkontinenter Anonymus

Wo sind wir denn? Kein Mensch muss als inkontinenter Anonymus durch Internetforen und Homepages streifen, um die Wirkung seiner „Argumente im Raum“ zu beschnuppern. Auf einer öffentlichen Veranstaltung würde er doch wohl oder übel hinstehen müssen („Hallo, ich bin der Axel“), um das Seine vorzutragen – und Gesicht zu zeigen.

Das ist eine durch und durch gute Idee. Das Netz braucht keine Anonymität, allenfalls sehr ausnahmsweise. Nicht nur für die bürgerliche Gesellschaft ist das konstitutiv, auch der Diskurs in Räten und Parlamenten, in Versammlungen und zu Tisch, kennt kein anderes Prinzip: Zu „ich spreche“ gehört notwendig das Ich. Wieso sollte diese Ratio der Aufklärung für das Netz nicht gelten?

Demokratischer Kodex

Kein Missverständnis. Ich möchte meinem Inkognito-Follower nicht den Bundesinnenminister auf den Hals hetzen. Ich brauche, anders als Hanns-Peter Friedrich, kein unwirksames Gesetz mit Alias-und-Anonymus-Verboten. Aber man wird wohl im superaufgeklärten Diskursraum Netz einen demokratischen Kodex erwarten können - Ausnahmen inklusive.

Ausnahme Pseudonym

Ein Forum von Betroffenen sexueller Gewalt etwa, wie das legendäre Misalla-Blog im Jahr 2010 eines war, muss geradezu mit Pseudonymen arbeiten. Offensichtlich ist auch, dass man Supermächte wie China, Exxon oder die Deutsche Bank nicht mit Angabe von Name, Adresse und Schuhgröße wirksam wird ärgern können. Die stets so hochgehaltene Mündigkeit der Netzcommunity aber wird sich an der Frage beweisen, ob sie eine politische Netiquette für den Diskurs in social media, Blogs und Foren zustande bringt. Das ist schwerer, als sich über die seltsamen Vorschläge eines Innenministers zu belustigen, wie es sich Blogger gerade sehr leicht machen. Aber es muss sein.

Für einen meinungsbildenden Diskurs2.0 braucht niemand Ku-Klux-Klan-Haube, Hasskappe oder Burka. Anonymität, sprich das Private, Geschützte muss selbstverständlich auch in der Informationsgesellschaft möglich sein. Aber da, wo Öffentlichkeit entsteht, wo Meinungsbildung stattfindet, ist´s aus mit Inkognito. Politik ohne Gesicht, wie soll das gehen?

Anonyme Originalität

Im Gegenteil. Jede Theorie ubiquitärer allzeitlicher kollaborativer Kommunikation hat als Mittel und Zweck – die Individualität. In der Masse zählt nur das unbedingt Originelle. Anonyme Originalität aber, das ist ein Widerspruch in sich. Also: Gesicht zeigen.

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