30.08.2011
06:41

Schulstruktur bedingt Lernqualität

oder: Die Sartre´sche Freiheit von @herrrlarbig und @phbudde

Als der forsche Herr Dräger, der gerade ein Buch über Bildungsarmut im Lande Goethes schrieb („Dichter, Denker, Schulversager“) in einem Interview nach der Schulstruktur in Hamburg gefragt wird, macht er den Philipp Lahm – er zieht sofort zurück. „Ich halte längeres gemeinsames Lernen für machbar, aber nicht nötig.“ Guter Unterricht hänge am Lehrer. "Die Schulstruktur ist letztlich egal."

Amen. Was für eine Binse: Längeres gemeinsames Lernen ist möglich! Muss man dafür ein Buch schreiben? In Deutschland ja. Und es dauert zehn Jahre, bis Dräger erkennt, was Christoph Daum in zwei Nächten nach Pisa herausfand: Dass der schiefe deutsche Pisa-Turm unten schief ist und nicht oben. Da spannende ist, dass aber der wichtige Konnex wieder negiert wird. Denn die Struktur ist überhaupt nicht egal.

Schulstruktur und Lernen bedingen sich.

Schulstruktur und Lernen bedingen sich. Nicht so, dass man in einer schlechten Struktur nicht guten Unterricht machen könnte. (Was Leute wie @HerrLarbig sofort auf die Palme bringt, weil er diesen Umkehrschluss zieht: Schlechte Struktur ist automatisch schlechter Lehrer.)

Nein, hier geht es nicht um Lehrerbeleidigung, sondern um einen Vorgang, der auf der flachen Hand liegt: Ein Lehrer wird, so gut oder schlecht er sein mag, in seinem Lernen durch die Schulstruktur stark und permanent beeinflusst: Er muss in der vierten Klasse zu sieben beginnen. Er muss mit Noten arbeiten, denn irgendwie muss der Auslesebefehl der Schulstruktur ja zustellbar sein. Er sitzt hinfort sein Leben lang vor homogenisierten Gruppen, sprich in nach Haupt-, Real- und Oberschule (Gymnasium) ausgelesenen Lerneinheiten, die er nach den Locksteps des Lehrplans gleichschreiten lässt. Na, hoffentlich beeinflusst das sein Lehren nicht!

Homogene Gruppen?

Natürlich sind die Gruppen nicht wirklich homogen, es gibt keine homogene Lerngruppe, sobald mehr als ein Lerner im Raum ist. Kurz gesagt: Das Lernarrangement ist durch die Schulstruktur vorperforiert; die Freiheit des Lehrers ist die Sartre'sche Freiheit des Gefolterten, im inneren Nein zur Folter zu sagen, auch wenn sie ihm äußerlich äußerste Schmerzen bereitet. Kein Wunder, dass @HerrLarbig sagt: "Das heißt nicht, dass die Struktur egal wäre, doch gute Lehrer verzehren sich nicht in ewiger Klage."

Das ist das Schicksal des Lehrers, über das wir nicht weiter räsonnieren wollen. Das kostet zu viele Follower. (Und auch nicht dürfen, in memoriam @phbudde. Denn über den öffentlichen Beruf des Lehrers darf nur der Lehrer nachdenken, nicht etwa der gemeine Bürger.)

Ein Team - aus Individualisten

Aber wir dürfen noch einen Satz über das Schulsystem verlieren. Nur in einem kollaborativen Schulsystem, das heißt, einem nicht vorsortierten, hat der Lehrer einen Anlass, seinen Unterricht wirklich grundlegend umzustellen: Weil er viel mehr Freiheiten hat, er ist frei von einem Sortierbefehl, frei von Noten, freier von einem Lehrplan (den es hoffentlich bald so nicht mehr geben wird). Und weil er die großartige Aufgabe jedes Trainers vor sich hat. Aus einer heterogenen Gruppe von Einzelspielern unter Wahrung ihrer höchst individuellen Fähigkeiten ein Team zu bilden.

Bestandsschutz fürs industrielle Lernen

Oder, auf ein Praxisbeispiel angewandt: Eine Schul-Strukturreform, wie sie in Rheinland-Pfalz im Duktus "Wir sind die besten und schnellsten" vorexerziert wird, ist keine echte Bildungsreform. (Sie auch ciffis LaborBlog) Sie schiebt die Lerngruppen Haupt- und Realschule nur unter ein Dach, aber sie führt nicht wirklich zusammen. Die Realschule plus, die teilweise den Klassen der alten Realschulen Bestandsschutz gibt, also Hauptschülern de facto den Zuzug nicht erlaubt, begeht eine Menschenrechtsverletzung (Gleiche Bildung für alle). Das ist zugleich ein Bestandsschutz fürs industrielle Lernen. Die Schule wird einer Modernisierungschance beraubt: Mit einem anderen Lernen die individuellen Potenziale aller Schüler heraus zu kitzeln. Oder: Dass man auch in deutschen Schulklassen endlich so individuell zusammenspielen kann wie in spanischen Mannschaften - ohne dass alles von außen durch eine (unpädagogische) Struktur determiniert wird.  

Nichts anderes wollte Philipp Lahm nämlich sagen, als er über die strategisch-taktischen Fähigkeiten seiner Trainer herzog. Äh, pardon, wir meinen natürlich Jörg Dräger, den jüngsten und besten Mann, den wir in der Bildung haben. Genauer hatten. All' die wichtigen Sätze über koopetitives Spielen, über Mannschaftsumbau und Taktikwechsel, über individuelle UND kollektive Fähigkeiten kann er nun nicht mehr sagen. Da er zwar nach zehn Jahren zu einer wichtigen Erkenntnis kam – aber gleich in seinem ersten Interview die Freiheit des Denkens wieder einstellte. Schade.

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